Qur’an und Tora

War Mohammed ein Nachkomme von Ibrahim und Isma’il?

Was die Tora über die Nachkommen Isma’ils sagt

Im Islam ist Mohammed unter anderem deshalb ein wahrer Prophet, weil er ein Nachkomme von Ibrahim und Isma’il ist. Obwohl Allah allmächtig ist und hätte wählen können, wen Er wollte, beschloss Er, das Prophetentum speziell Ibrahim und seinen Nachkommen zuzuweisen:

وَوَهَبْنَا لَهُۥٓ إِسْحَـٰقَ وَيَعْقُوبَ وَجَعَلْنَا فِى ذُرِّيَّتِهِ ٱلنُّبُوَّةَ وَٱلْكِتَـٰبَ

Und Wir schenkten ihm Ishaq und Ya´qub und richteten unter seiner Nachkommenschaft das Prophetentum und die Schrift ein und gaben ihm seinen Lohn im Diesseits […].

– Sure Al-‘Ankabut 29:27 –

Als „Vater der Propheten“ (أَبُو الْأَنْبِيَاء, Abu al-Anbiya) ist Ibrahim wie ein Baumstamm mit zwei Ästen – der Ast von Ishaq, aus dem Propheten wie Musa, Dawud und Isa hervorgingen, und der Ast von Isma’il, aus dem Mohammed hervorging.

Als Ibrahim und Isma’il gemäß dem Islam die Kaaba bauten, beteten sie folgendes in Sure al-Baqarah 2:127-129:

وَإِذْ يَرْفَعُ إِبْرَٰهِـۧمُ ٱلْقَوَاعِدَ مِنَ ٱلْبَيْتِ وَإِسْمَـٰعِيلُ رَبَّنَا تَقَبَّلْ مِنَّآ ۖإِنَّكَ أَنتَ ٱلسَّمِيعُ ٱلْعَلِيمُ ١٢٧

رَبَّنَا وَٱجْعَلْنَا مُسْلِمَيْنِ لَكَ وَمِن ذُرِّيَّتِنَآ أُمَّةًۭ مُّسْلِمَةًۭ لَّكَ وَأَرِنَا مَنَاسِكَنَا وَتُبْ عَلَيْنَآ ۖ إِنَّكَ أَنتَ ٱلتَّوَّابُ ٱلرَّحِيمُ ١٢٨

رَبَّنَا وَٱبْعَثْ فِيهِمْ رَسُولًۭا مِّنْهُمْ يَتْلُوا۟ عَلَيْهِمْ ءَايَـٰتِكَ وَيُعَلِّمُهُمُ ٱلْكِتَـٰبَ وَٱلْحِكْمَةَ وَيُزَكِّيهِمْ ۚ إِنَّكَ أَنتَ ٱلْعَزِيزُ ٱلْحَكِيمُ ١٢٩

[127] Und (gedenkt,) als Ibrahim die Grundmauern des Hauses errichtete, zusammen mit Isma´il, (da beteten sie): „Unser Herr, nimm (es) von uns an. Du bist ja der Allhörende und Allwissende.

[128] Unser Herr, mache uns Dir ergeben und von unserer Nachkommenschaft eine Dir ergebene Gemeinschaft. Und zeige uns unsere Riten, und nimm unsere Reue an. Du bist ja der Reue-Annehmende und Barmherzige.

[129] Unser Herr, schicke zu ihnen einen Gesandten von ihnen, der ihnen Deine Worte verliest und sie das Buch und die Weisheit lehrt und sie läutert. Du bist ja der Allmächtige und Allweise.“

– Sure al-Baqarah 2:127-129 –

Ibrahim und Isma’il beteten, dass Allah einen Gesandten aus ihren Nachkommen erwecken möge. Laut Islam ist in Mohammed dieses Gebet erfüllt, da er als ein Nachkomme sowohl von Ibrahim als auch von Isma’il gilt.

Die authentischste Hadith-Sammlung, Sahih Al-Bukhari, berichtet, dass Isma’il in Mekka aufwuchs und eine arabische Frau vom Jurhum-Stamm heiratete1. Durch seine Heirat wurde Isma’il zum Vorfahren der Quraisch, dem arabischen Stamm in Mekka, dem Mohammed angehörte. Somit wird Mohammed als wahrer Gesandter angesehen, da er von Ibrahim und Isma’il abstammte.

Wird diese Behauptung durch die Tora2 gestützt? Da der Quran sagt, dass die Tora eine „detaillierte Darlegung“ der Geschichten der Propheten ist, können wir den Bericht aus dem Hadith mit dem vergleichen, was die Tora über das Leben Isma’ils und seiner Söhne sagt. Wenn die Berichte übereinstimmen, haben wir bewiesen, dass Mohammed ein Nachkomme Isma’ils und somit ein legitimer Prophet in der Stammlinie Ibrahims war.


Wie wir im vorherigen Artikel gesehen haben, sagt die Tora, dass Isma’il in Kanaan aufwuchs und im Alter von 16–17 Jahren zusammen mit seiner Mutter von zu Hause wegging. Sowohl Hajar als auch Isma’il irrten in der Wüste von Beerscheba umher, wo Gott sie schließlich rettete, indem er Hajar zu einem Brunnen führte. Nach dem Ereignis in der Wüste von Beerscheba erfahren wir folgendes:

[20] Und Gott war mit dem Knaben; der wuchs heran und wohnte in der Wüste und wurde ein Bogenschütze.

[21] Und er wohnte in der Wüste Paran, und seine Mutter nahm ihm eine Frau aus dem Land Ägypten.

– 1. Mose 21:20-21 –

Von der Wüste Beerscheba ging Isma’il in die Wüste Paran, die sich auf der Sinai-Halbinsel im heutigen Ägypten befand. Dort wuchs er zu einem Mann heran. Im Gegensatz zu den Hadithen heiratete Isma’il keine arabische Frau, sondern eine Frau aus dem Land Ägypten. Dies ist plausibel, 1) weil Ägypten nicht weit von der Wüste Paran entfernt war (siehe Abbildung 1) und 2) weil Hajar selbst eine Ägypterin war. Da sie nicht mehr im Haushalt Ibrahims lebte, suchte sie naturgemäß unter ihren eigenen Verwandten nach einer Frau für ihren Sohn.

Abbildung 1: Isma’ils Reise von Ibrahims Zuhause in Gerar in die Wüste von Beerscheba und Paran. Aufgrund der Nähe von Paran zu Ägypten ist es plausibel, dass Hajar für Isma’il eine Frau aus Ägypten nahm.

Die Tora liefert keinen Beweis dafür, dass Isma’il in seinem Leben jemals nach Mekka gegangen ist. Aber wie steht es mit seinen Kindern? Es wird uns berichtet, dass Isma’il zwölf Söhne zeugte, deren Wohnort ausdrücklich genannt wird:

Sie wohnten aber von Hawila an bis nach Schur, das vor Ägypten liegt, und bis nach Assur hin; […].

– 1. Mose 25:18 –

Isma’ils Söhne ließen sich von Hawila3 bis Schur nieder (das gegenüber von Ägypten auf der Sinai-Halbinsel liegt) in Richtung Assyrien, das nordöstlich von Schur liegt (etwa im heutigen Syrien/Irak). Mekka liegt jedoch weit im Süden, in der entgegengesetzten Richtung (siehe Abbildung 2). Isma’il lebte nicht nur weit entfernt von Mekka, sondern seine Söhne lebten ebenfalls nicht in dieser Gegend.

Abbildung 2: Siedlungsgebiet von Isma’ils Söhnen gemäß der Tora. Im Gegensatz zum Hadith, der behauptet, dass Isma’ils Söhne in Mekka aufgewachsen seien und sich dort niedergelassen hätten, zeigt die Tora, dass sie niemals dort waren (rotes Kreuz). Stattdessen ließen sie sich östlich von Schur in Richtung Assyrien im Norden nieder.

Die Geschichte von Yusuf in der Tora stützt weiter, dass Isma’ils Söhne östlich von Kanaan lebten und nicht südlich in Mekka. Uns wird erzählt, dass die Männer, die Yusuf verkauften, Ismaeliter waren, die von Gilead kamen (1. Mose 37:25).4 Gilead liegt nicht im Süden in Richtung Mekka, sondern östlich von Kanaan im heutigen Jordanien. Die ismaelitischen Händler kamen also aus dem Osten, wo sie lebten, und reisten nach Westen in Richtung Ägypten (siehe Abbildung 3).5

Abbildung 3: Reiseroute der ismaelitischen Händler in der Yusuf-Geschichte der Tora, die Yusuf nach Ägypten brachten. Die Händler kamen aus Gilead (blauer Kreis) im Osten Kanaans, nicht aus dem Süden von Mekka, wo die Ismaeliter laut Hadith gelebt haben sollen. Somit stimmt die Yusuf-Geschichte in der Tora mit der anderen Passage in der Tora (1. Mose 25:18) überein, die besagt, dass sich die Ismaeliter im und um das heutige Jordanien (oranger Bereich) niedergelassen haben und nicht in Mekka.

Fassen wir zusammen, was wir bisher besprochen haben:

  1. Gemäß dem Hadith kam Isma’il als Kleinkind nach Mekka und wuchs dort auf. Gemäß der Tora verbrachte er jedoch seine Kindheit in Palästina und zog im Alter von 16–17 Jahren auf die Sinai-Halbinsel (heutiges Ägypten). Es gibt keinen Hinweis dafür, dass Isma’il jemals nach Mekka gegangen war.
  2. Gemäß dem Hadith heiratete Isma’il eine arabische Frau vom Stamm der Jurhum. Gemäß der Tora heiratete er jedoch eine ägyptische Frau. Daher waren seine unmittelbaren Nachkommen Nicht-Araber und definitiv keine mekkanischen Araber.
  3. Gemäß dem Hadith zog Isma’il seine Kinder in Mekka auf. Gemäß der Tora lebten seine Kinder jedoch nirgendwo in der Nähe von Mekka, sondern im oder um das heutige Jordanien.

Aus diesen Gründen konnte Mohammed der Tora zufolge kein Nachfahre von Ibrahim und Isma’il gewesen sein. Wenn er jedoch nicht aus der Linie Ibrahims stammt, kann Mohammed nach den eigenen Kriterien des Qurans kein Prophet sein.

Selbst wenn sich einer der Nachkommen Isma‘ils in Mekka niedergelassen hätte und so Mohammeds Vorfahre wurde, stünde dies immer noch im Widerspruch zum Quran und dem Hadithen. Denn diese besagen, dass Isma‘il selbst sich in Mekka niedergelassen hat und dadurch Mohammeds Vorfahre wurde.

Abgesehen von Mohammeds Abstammung von Ibrahim und Isma‘il ist eine weitere muslimische Überzeugung grundlegend für den Islam – dass Mohammed die Offenbarung und das Prophetentum auf dieselbe Weise empfing wie Musa. In unserem nächsten Artikel nehmen wir unter die Lupe, wie alles begann – als Mohammed das erste Mal eine Offenbarung in der Höhle Hira empfing:

Footnotes

  1. Sahih Al Bukhari 3364 ↩

  2. Die islamischen Quellen berichten von einer Genealogie Mohammeds, die für die ersten 21 Generationen nach ihm bis zu einem Mann namens Adnan zurückverfolgt wird. Wenn man jedoch weiter zurückgeht, wird es schwieriger. Zwischen Adnan und Isma’il liegt eine riesige Zeitspanne von etwa 2.000 Jahren, in der die genaue Abstammung ungewiss oder unbekannt ist. Aus diesem Grund sagte der zweite Kalif Umar ibn al-Khattab: „Wir führen die Genealogie nur bis zu Adnan zurück.“ Daher ist Mohammeds Stammbaum nicht sonderlich nützlich, um Beweise für seine Abstammung von Isma’il zu liefern. ↩

  3. Der genaue Ort von Hawila ist umstritten; es wird jedoch vermutet, dass es irgendwo im Norden Arabiens lag und daher immer noch weit entfernt von Mekka ist, das viel weiter südlich liegt. ↩

  4. Diese Ismaeliter werden in 1. Mose 37:28 auch „Midianiter“ genannt. Dies liegt daran, dass wir in 1. Mose 25:6 lesen, dass Ibrahim die Söhne von Ketura, von denen die Midianiter abstammen, östlich von Kanaan schickte – in dieselbe Richtung, in der Isma’ils Söhne lebten. Aufgrund ihrer engen Nähe heirateten sie wahrscheinlich untereinander, sodass die Ismaeliter schließlich auch Midianiter genannt wurden. ↩

  5. Ein weiteres Beispiel, das darauf hindeutet, dass Isma’il und seine Familie nicht in Mekka waren, ist 1. Mose 28:9. Dieser Vers berichtet: „Da ging Esau [der Sohn von Ishaq und Bruder von Yaqub] zu Isma’il und nahm zu seinen Frauen noch Mahalath hinzu, die Tochter Isma’ils […].“ Zu dieser Zeit lebte Esau in Kanaan. Ist er also Hunderte von Kilometern nach Süden nach Mekka gereist, um Isma’ils Tochter zur Frau zu nehmen? Offensichtlich hat Isma’il viel näher gelebt. ↩