Qur’an und Tora

War die Tora zur Zeit Mohammeds verfälscht?

Eine Betrachtung zentraler Stellen des Qurans

Dem Islam zufolge ist das größte und wichtigste Buch, das im gesamten Universum existiert, der Quran. Er ist der Ausdruck des göttlichen Willens und wird als das größte Wunder angesehen. Dennoch gibt es trotz der Überlegenheit des Qurans ein weiteres Buch von großer Bedeutung: die Tora.

Unter den vier großen Schriften im Islam – nämlich der Tora, dem Zabur, dem Injil und dem Quran – ist die Tora das erste Buch, das Gott offenbart hat. Sie enthält viele der grundlegendsten Geschichten, die auch im Quran vorkommen, wie etwa Adam und Hawa im Paradies, Nuh und die Sintflut und Yusuf in Ägypten. Die Tora ist zudem das Buch, das Allah einer der wichtigsten Persönlichkeiten im gesamten Quran offenbart hat: Musa. Keine andere Person findet so oft Erwähnung im Quran wie dieser große Prophet.1

Jedoch glauben die meisten heute lebendenden Muslime, dass die Tora, die heute existiert, nicht mehr Gottes ursprüngliche, reine Offenbarung ist. Im Laufe der Zeit haben Menschen den Text verändert und Allahs heiliges Wort mit ihren eigenen, falschen menschlichen Vorstellungen vermischt. Daher gilt die heutige Tora als nicht mehr vertrauenswürdig.

In diesem Artikel werden wir diese Überzeugung, dass die Tora verfälscht wurde, etwas genauer untersuchen. Die Hauptfrage, die wir uns stellen werden, lautet: Was sagt der Quran über die Zuverlässigkeit der Tora zu der Zeit, als der Quran offenbart wurde? Oder mit anderen Worten: Sagt Allah im Quran, dass die Tora, die zu Mohammeds Zeit im 7. Jahrhundert existierte, verfälscht oder dass sie zuverlässig war?

1) Sure Al-Baqarah – „Das zu bestätigen was euch bereits vorliegt“

Die erste Stelle im Quran, die wir uns ansehen, ist Sure Al-Baqarah 2:40-412:

يَـٰبَنِىٓ إِسْرَٰٓءِيلَ ٱذْكُرُوا۟ نِعْمَتِىَ ٱلَّتِىٓ أَنْعَمْتُ عَلَيْكُمْ وَأَوْفُوا۟ بِعَهْدِىٓ أُوفِ بِعَهْدِكُمْ وَإِيَّـٰىَ فَٱرْهَبُونِ ٤٠

وَءَامِنُوا۟ بِمَآ أَنزَلْتُ مُصَدِّقًۭا لِّمَا مَعَكُمْ وَلَا تَكُونُوٓا۟ أَوَّلَ كَافِرٍۭ بِهِۦ ۖ وَلَا تَشْتَرُوا۟ بِـَٔايَـٰتِى ثَمَنًۭا قَلِيلًۭا وَإِيَّـٰىَ فَٱتَّقُونِ ٤١

[40] O Kinder lsra´ils, gedenkt Meiner Gunst, die Ich euch erwiesen habe! Und haltet euren Bund Mir gegenüber, so will Ich Meinen Bund euch gegenüber halten! Und vor Mir (allein) sollt ihr Ehrfurcht haben.

[41] Und glaubt an das, was Ich (als Offenbarung) hinabgesandt habe, das zu bestätigen, was euch bereits vorliegt. Und seid nicht die ersten, die es verleugnen. Und verkauft Meine Zeichen nicht für einen geringen Preis. Und Mich allein sollt ihr fürchten.

– Sure Al-Baqara 2:40-41 –

Wer wird hier angesprochen? Vers 40 beginnt mit „O Kinder Israels“. Daher spricht Allah die Juden an. Aber welche Juden genau – die Juden, die zur Zeit von Mohammed lebten, oder die Juden aus früherer Zeit, wie etwa zur Zeit von Musa? Ayah 41 sagt „Und glaubt an das, was Ich (als Offenbarung) hinabgesandt habe, das zu bestätigen, was euch bereits vorliegt“. Das, was ihnen vorlag, waren ihre Schriften – konkret die Tora. Wenn die Tora das ist, was ihnen vorlag, dann kann „das, was Ich (als Offenbarung) hinabgesandt habe“ nur der Quran sein. Da den Juden von Allah befohlen wird, an den Quran zu glauben, muss dieser bereits offenbart worden sein. Diese Juden müssen also Zeitgenossen von Mohammed gewesen sein.

Warum wurde diesen jüdischen Zeitgenossen Mohammeds befohlen, an den Quran zu glauben? Weil er das bestätigte, was ihnen in der Tora vorlag. Basierend auf diesen Ayat können wir schlussfolgern, dass die Tora, die die Juden zur Zeit Mohammeds besaßen, intakt war und mit dem Quran übereinstimmte. Denn sie galt als ein Beweis dafür, dass Mohammed ein wahrer Prophet ist.

2) Sure Al-A’raf – „Den sie aufgeschrieben finden“

Die nächste Stelle aus dem Quran ist Sure Al-A’raf 7:157:

ٱلَّذِينَ يَتَّبِعُونَ ٱلرَّسُولَ ٱلنَّبِىَّ ٱلْأُمِّىَّ ٱلَّذِى يَجِدُونَهُۥ مَكْتُوبًاعِندَهُمْ فِى ٱلتَّوْرَىٰةِ وَٱلْإِنجِيلِ يَأْمُرُهُم بِٱلْمَعْرُوفِ وَيَنْهَىٰهُمْ عَنِ ٱلْمُنكَرِ وَيُحِلُّ لَهُمُ ٱلطَّيِّبَـٰتِ وَيُحَرِّمُ عَلَيْهِمُ ٱلْخَبَـٰٓئِثَ وَيَضَعُ عَنْهُمْ إِصْرَهُمْ وَٱلْأَغْلَـٰلَ ٱلَّتِى كَانَتْ عَلَيْهِمْ ۚ فَٱلَّذِينَ ءَامَنُوا۟ بِهِۦ وَعَزَّرُوهُ وَنَصَرُوهُ وَٱتَّبَعُوا۟ ٱلنُّورَ ٱلَّذِىٓ أُنزِلَ مَعَهُۥٓ ۙ أُو۟لَـٰٓئِكَ هُمُ ٱلْمُفْلِحُونَ

die dem Gesandten, dem schriftunkundigen Propheten, folgen, den sie bei sich in der Tora und im Evangelium aufgeschrieben finden. Er gebietet ihnen das Rechte und verbietet ihnen das Verwerfliche, er erlaubt ihnen die guten Dinge und verbietet ihnen die schlechten, und er nimmt ihnen ihre Bürde und die Fesseln ab, die auf ihnen lagen. Diejenigen nun, die an ihn glauben, ihm beistehen, ihm helfen und dem Licht, das mit ihm herabgesandt worden ist, folgen, das sind diejenigen, denen es wohl ergeht.

– Sure Al-A’raf 7:157 –

Wieder stellen wir uns die Frage, wer hier angesprochen wird. Der Text sagt, die Menschen, um die es geht, haben die Tora und das Evangelium bei sich. Demnach muss es sich hier um Juden und Christen handeln.

Wann lebten diese Juden und Christen? Im Text heißt es, sie seien Menschen, die „dem Gesandten, dem schriftunkundigen Propheten, folgen“, womit Mohammed gemeint ist. Daher muss es sich bei den hier angesprochenen Personen um Juden und Christen handeln, die zur Zeit Mohammeds lebten (und nicht davor, da sie Mohammed nicht hätten folgen können, bevor er geboren wurde). Diese Ayah besagt also, dass die Leute der Schrift, die zur Zeit Mohammeds lebten und ihm folgten, Beschreibungen oder Prophezeiungen über Mohammed in ihren heiligen Schriften finden konnten.

Welche Schlussfolgerung können wir hieraus ziehen? Die Tora – oder zumindest die Stellen in der Tora, die von Mohammed sprechen – müssen im 7. Jahrhundert unversehrt gewesen sein. Andernfalls hätte Mohammed seinen Zeitgenossen nicht gesagt, dass er in der Tora, die sie zu seiner Zeit hatten, erwähnt wird.3

3) Sure Al-Ma’idah – „Das Urteil Allahs“

Nachdem sich Mohammed in Medina als Führer des Islamischen Reiches etablierte, hatte er die Aufgabe, Konflikte in der islamischen Gemeinschaft zu schlichten. Dies beinhaltete auch Angelegenheiten, bei denen die Betroffenen keine Muslime, sondern Juden waren. In Sure Al-Ma’ida, Ayah 42, befahl Allah ihm, sich entweder nicht auf ihre Streitigkeiten einzulassen oder gerecht zu urteilen. In der nächsten Ayah heißt es dann:

وَكَيْفَ يُحَكِّمُونَكَ وَعِندَهُمُ ٱلتَّوْرَىٰةُ فِيهَا حُكْمُ ٱللَّهِ ثُمَّ يَتَوَلَّوْنَ مِنۢ بَعْدِ ذَٰلِكَ ۚ وَمَآ أُو۟لَـٰٓئِكَ بِٱلْمُؤْمِنِينَ

Wie aber können sie [= die Juden] dich [= Mohammed] richten lassen, während sie doch die Tora haben, in der das Urteil Allahs (enthalten) ist, und sich hierauf, nach alledem, abkehren? Diese sind doch keine Gläubigen.

– Sure Al-Ma’idah 5:43 –

Laut dieser Ayah sollten die Juden selbst eine Lösung für ihren Konflikt finden, statt bei Mohammed nach Rat zu suchen, da Allah ihnen die Tora gesandt hat, nach der sie urteilen konnten. Was also bedeutet dies für die Zuverlässigkeit der Tora zu Mohammeds Zeit? Offenbar muss die Tora, die die Juden damals besaßen – oder zumindest das darin enthaltene Gesetz –, unversehrt gewesen sein.

Die nächste Ayah unterstreicht die Zuverlässigkeit der Gesetzestexte in der Tora im 7. Jahrhundert noch weiter:

إِنَّآ أَنزَلْنَا ٱلتَّوْرَىٰةَ فِيهَا هُدًۭى وَنُورٌۭ ۚ يَحْكُمُ بِهَا ٱلنَّبِيُّونَ ٱلَّذِينَ أَسْلَمُوا۟ لِلَّذِينَ هَادُوا۟ وَٱلرَّبَّـٰنِيُّونَ وَٱلْأَحْبَارُ بِمَا ٱسْتُحْفِظُوا۟ مِن كِتَـٰبِ ٱللَّهِ وَكَانُوا۟ عَلَيْهِ شُهَدَآءَ ۚفَلَا تَخْشَوُا۟ ٱلنَّاسَ وَٱخْشَوْنِ وَلَا تَشْتَرُوا۟ بِـَٔايَـٰتِى ثَمَنًۭا قَلِيلًۭا ۚ وَمَن لَّمْ يَحْكُم بِمَآ أَنزَلَ ٱللَّهُ فَأُو۟لَـٰٓئِكَ هُمُ ٱلْكَـٰفِرُونَ

Gewiss, Wir haben die Tora hinabgesandt, in der Rechtleitung und Licht sind, womit die Propheten, die sich (Allah) ergeben hatten, für diejenigen, die dem Judentum angehören, walten, und so auch die Leute des Herrn und die Gelehrten, nach dem, was ihnen von der Schrift Allahs anvertraut worden war und worüber sie Zeugen waren. So fürchtet nicht die Menschen, sondern fürchtet Mich. Und verkauft Meine Zeichen nicht für einen geringen Preis! Wer nicht nach dem waltet, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, das sind die Ungläubigen.

– Sure Al-Ma’idah 5:44 –

Folgende drei Punkte sollten wir beachten:

  1. Die Tora wird als „Rechtleitung und Licht“ bezeichnet4 – eine Aussage, die auf einen übernatürlichen Ursprung und göttliche Wahrhaftigkeit hinweisen (an anderen Stellen wird auch der Quran als Rechtleitung und Licht bezeichnet).

  2. Die Ayah besagt, dass die vorherigen Propheten mit der Tora „walten“. Dies bedeutet, dass sie die Tora nutzten, um Recht zu sprechen und Urteile zu fällen. Wie in einer unzerbrechlichen Kette, einer perfekten Isnad, nutzte jeder Prophet von Musa bis Isa die Tora, um nach ihren Gesetzen zu handeln. Dies deutet an, dass die Gesetzestexte in der Tora zuverlässig waren. Derselbe Gedanke wird in Sure Al-Baqarah 2:87 bekräftigt:

    وَلَقَدْ ءَاتَيْنَا مُوسَى ٱلْكِتَـٰبَ وَقَفَّيْنَا مِنۢ بَعْدِهِۦ بِٱلرُّسُلِ ۖ .[…]

    Und Wir gaben bereits Musa die Schrift und ließen nach ihm die Gesandten folgen. Und Wir gaben ʿIsa, dem Sohn Maryams, die klaren Beweise und stärkten ihn mit dem Heiligen Geist. […].

    – Sure Al-Baqarah 2:89 –

    Allah gab Musa ‚die Schrift‘ (Tora) und sandte dann nach ihm einen Gesandten nach dem anderen ohne Unterbrechungen bis nach Isa. Mit Ausnahme von Dawud, Isa und Musa brachten diese Propheten kein neues Gesetz oder ein neues Buch. Stattdessen war es ihre Mission, die Lehren der Tora durchzusetzen.

    Da die Propheten davor geschützt waren, in schwerwiegende Irrtümer zu verfallen (die islamische Doktrin der ‘Ismah (عصمة)), ist es unwahrscheinlich, dass Allah ihnen erlaubt hätte, anhand eines verfälschten Textes zu urteilen, oder dass sie den Text selbst verfälscht hätten. Da außerdem Isa die Tora bestätigte, als er zu den Juden sprach (Sure As-Saff 61:6), müssen die Gesetze, die die Juden in ihrer Tora hatten, zumindest bis dahin intakt gewesen sein.5

  3. In der letzten Zeile von Sure Al-Ma’ida 5:44 tadelt Allah die Juden, die zu Mohammed kamen, weil sie nicht nach dem von Allah gegebenen Maßstab, nämlich der Tora, urteilten („Wer nicht nach dem waltet, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, das sind die Ungläubigen“). Wenn die Gesetzestexte in der Tora verfälscht gewesen wären, hätte man den Juden keinen Vorwurf daraus gemacht, dass sie nicht nach ihr urteilten. Dies zeigt, dass die Gesetze in der Tora nicht nur zu Isas Zeiten, sondern auch zu Mohammeds Zeiten unversehrt waren.

Sure Al-Ma’idah fährt wie folgt fort:

وَكَتَبْنَاعَلَيْهِمْ فِيهَآ أَنَّ ٱلنَّفْسَ بِٱلنَّفْسِ وَٱلْعَيْنَ بِٱلْعَيْنِ وَٱلْأَنفَ بِٱلْأَنفِ وَٱلْأُذُنَ بِٱلْأُذُنِ وَٱلسِّنَّ بِٱلسِّنِّ وَٱلْجُرُوحَ قِصَاصٌۭ ۚ فَمَن تَصَدَّقَ بِهِۦ فَهُوَ كَفَّارَةٌۭ لَّهُۥ ۚ وَمَن لَّمْ يَحْكُم بِمَآ أَنزَلَ ٱللَّهُ فَأُو۟لَـٰٓئِكَ هُمُ ٱلظَّـٰلِمُونَ ٤٥

وَقَفَّيْنَا عَلَىٰٓ ءَاثَـٰرِهِم بِعِيسَى ٱبْنِ مَرْيَمَ مُصَدِّقًۭا لِّمَا بَيْنَ يَدَيْهِ مِنَ ٱلتَّوْرَىٰةِ ۖ وَءَاتَيْنَـٰهُ ٱلْإِنجِيلَ فِيهِ هُدًۭى وَنُورٌۭ وَمُصَدِّقًۭا لِّمَا بَيْنَ يَدَيْهِ مِنَ ٱلتَّوْرَىٰةِ وَهُدًۭى وَمَوْعِظَةًۭ لِّلْمُتَّقِينَ ٤٦

[45] Und Wir haben ihnen darin vorgeschrieben: Leben um Leben, Auge um Auge, Nase um Nase, Ohr um Ohr, Zahn um Zahn; und (auch) für Verwundungen Wiedervergeltung. Wer es aber als Almosen erläßt, für den ist es eine Sühne. Wer nicht nach dem waltet, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, das sind die Ungerechten.

[46] Und Wir ließen auf ihren Spuren ʿIsa, den Sohn Maryams, folgen, das zu bestätigen, was von der Tora vor ihm (offenbart) war; und Wir gaben ihm das Evangelium, in dem Rechtleitung und Licht sind, und das zu bestätigen, was von der Tora vor ihm (offenbart) war, und als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen.

– Sure Al-Baqara 2:40-41 –

Diese beiden Ayat bestätigen, was wir soeben oben dargelegt haben.

  1. Isa bestätigte die Tora, die zu seiner Zeit vorlag (Ayah 46).

  2. Wenn die Juden von Medina nicht nach dem richteten, was Allah herabgesandt hat – nämlich der Tora –, dann waren sie Ungerechte (Ayah 45). Folglich müssen die Gesetze, die die Juden von Medina in ihrer Tora hatten, zumindest bis zu Mohammeds Zeit unversehrt gewesen sein.

Alles in allem finden wir in diesen Ayat der Sure Al-Ma’ida mehrere Hinweise für die Zuverlässigkeit der Tora im 7. Jahrhundert.

Unterstützung für diese Schlussfolgerung liefert auch die Hadith-Literatur, die Hintergrundinformationen zu den Ayat 41–47 der Sure Al-Ma’ida liefert. In Sahih Muslim6 lesen wir, dass ein Jude, der Zina (Ehebruch) begangen hatte, von den jüdischen Führern mit Peitschenhieben und dem Schwärzen seines Gesichts mit Kohle bestraft wurde. Als Mohammed diesen Mann sah, fragte er einen der jüdischen Gelehrten, ob die Tora diese Art von Strafe für Zina vorschreibt.7

Der Gelehrte antwortete mit „Nein„ und bestätigte anhand der Tora-Rolle, dass diese die Steinigung als Strafe für Zina lehre. Daher ordnete Mohammed an, den Mann zu steinigen. Mohammed fällte also ein Urteil auf der Grundlage der Tora, die zu seiner Zeit existierte, was darauf hindeutet, dass der Gesetzestext in jener Tora unverfälscht gewesen sein muss.

4) Sure Yunus – „Frag diejenigen, die vor die die Schrift lesen“

Die nächste Stelle, die wir anschauen ist Sure Yunus 10:94:

فَإِن كُنتَ فِى شَكٍّۢ مِّمَّآ أَنزَلْنَآ إِلَيْكَ فَسْـَٔلِ ٱلَّذِينَ يَقْرَءُونَ ٱلْكِتَـٰبَ مِن قَبْلِكَ ۚ لَقَدْ جَآءَكَ ٱلْحَقُّ مِن رَّبِّكَ فَلَا تَكُونَنَّ مِنَ ٱلْمُمْتَرِينَ

Wenn du über das, was Wir zu dir (als Offenbarung) hinabgesandt haben, im Zweifel bist, dann frag diejenigen, die vor dir die Schrift lesen. Dir ist ja die Wahrheit von deinem Herrn zugekommen, so gehöre nun nicht zu den Zweiflern.

– Sure Yunus 10:94 –

Obwohl diese Ayah grammatikalisch an den Propheten Mohammed gerichtet ist, stimmen die Tafasir (islamische Quran-Kommentare) darin überein, dass hier nicht Mohammed als Zweifler bezeichnet wird, sondern die Ungläubigen aus Mekka.8 Woran hatten diese Menschen Zweifel?

Sure Yunus erwähnt mehrere Prophetengeschichten, die erstmalig in der Tora offenbart wurden, wie zum Beispiel Nuh und die große Sintflut (Ayat 71-73) oder Musa und Harun vor dem Fir’awn (Ayat 75-92). Daher glauben Gelehrte, dass sich die Zweifel der Mekkaner auf Mohammeds Rezitation der Prophetengeschichten bezogen.

Wenn sie daran zweifelten, dass die Prophetengeschichten des Qurans wahr sind, so sagt der Quran, hätten sie die Leute des Buches fragen können. Wenn sie absolut sicher sein wollten, hätten sie Abdullah Ibn Salam fragen können, der ein jüdischer Rabbiner und Konvertit (zum Islam) war. Abdullah Ibn Salam und die Juden hätten den Zweifelnden sicher bestätigt, dass die im Quran erwähnten Prophetengeschichten mit den Geschichten in der Tora übereinstimmten.9

Was bedeutet das nun für die Zuverlässigkeit der Tora in Mohammeds Tagen? Offensichtlich muss der Text der Tora – oder zumindest die darin enthaltenen Prophetengeschichten – zu jener Zeit unversehrt gewesen sein.


Kommen wir zu einem Fazit. Zu Beginn unseres Artikels haben wir gefragt: „Sagt Allah im Quran, dass die Tora, die zu Mohammeds Zeit im 7. Jahrhundert existierte, verfälscht oder dass sie zuverlässig war?“ Während Sure Al-Baqarah 2:40-41 zeigt, dass der Text der Tora im Allgemeinen zu jener Zeit intakt war, zeigen die anderen Abschnitte, dass die Tora spezifisch in den folgenden Punkten unversehrt war:

  • die Prophezeiungen über Mohammed (7:157)
  • das Gesetz (5:43-47)
  • die Geschichten der Propheten (10:94)

Während einige Muslime behaupten, dass bestimmte Passagen des Qurans besagen, die Tora sei verfälscht worden, zeigt eine nähere Untersuchung das Gegenteil. Darüber hinaus wären die obig erwähnten drei Abschnitte der Tora ohnehin nicht davon betroffen gewesen, da ihre Bewahrung durch die Ayat, die wir in diesem Artikel untersucht haben, bestätigt wird.

Dies führt uns zu unserer nächsten Frage: Ist die heutige Tora die gleiche wie die Tora zu Mohammeds Zeiten? Um das herauszufinden, laden wir dich, liebe Leserin, lieber Leser, ein, mit dem nächsten Artikel fortzufahren.

Footnotes

  1. Musa wird 136-mal im Quran erwähnt, gefolgt vonIbrahim (69-mal) und Nuh (43-mal). ↩

  2. Siehe ähnliche Stellen, die sagen, dass der Quran die Thora bestätigt oder erfüllt: Sure Al-Baqarah 2:89–91, 2:97 und 2:101. ↩

  3. Siehe ähnliche Stellen, die behaupten, dass Prophezeiungen über Mohammed in der Tora zu der Zeit existierten, als Mohammed lebte: Sure Al-Fath 48:29 und Al-Qasas 28:48–49. ↩

  4. Siehe Sure 42:52, 5:15-16, 4:174, 7:157, 64:8, 2:2,2:185, 31:2-3, 41:44. ↩

  5. Dies wird zudem durch Sure Maryam 19:12 und At-Tahrim 66:12 gestützt, die zeigen, dass sowohl Yahya als auch Maryam (die zur gleichen Zeit wie Isa lebten) eine unverfälschte Tora besaßen. ↩

  6. Sahih Muslim 1700a ↩

  7. Als Konsequenz ermahnte Allah die Juden in den Ayahs 41–47 wiederholt dafür, dass sie nicht nach ihrer Tora geurteilt hatten: Ayah 44: “Wer nicht nach dem waltet, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, das sind die Ungläubigen”; Ayah 45: “ Wer nicht nach dem waltet, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, das sind die Ungerechten.” Ayah 47: “Wer nicht nach dem waltet, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, das sind die Frevler.” ↩

  8. Insbesondere Ibn Kathir and Al-Tabari. ↩

  9. Diese Idee findet sich auch in Sure Yusuf 12:111: „In ihren Geschichten [= Geschichten der Propheten] ist wahrlich eine Lehre für diejenigen, die Verstand besitzen. Es ist keine Aussage, die ersonnen wird, sondern die Bestätigung dessen, was vor ihm war, und die ausführliche Darlegung aller Dinge und eine Rechtleitung und Barmherzigkeit für Leute, die glauben.“ ↩