War der Engel in der Höhle Hira derselbe wie der Engel im brennenden Dornbusch?
Im Jahr 610 n. Chr. geschah etwas Übernatürliches, das den Lauf der Geschichte verändern sollte. Ein vierzigjähriger Kaufmann, der die Einsamkeit in der arabischen Wüste suchte, hatte ein furchteinflößendes Erlebnis – er begegnete einem Engel in der Höhle Hira. Diese Begegnung war der Beginn der islamischen Ära.
Die Hintergrundgeschichte dieses Ereignisses findet sich im Hadith. Laut Sahih al-Bukhari (Hadith 3) zog sich Mohammed gewöhnlich in die Höhle Hira zurück, wo er Allah tagelang ununterbrochen anbetete. Eines Tages, als er sich in der Höhle befand, kam der Engel Jibril zu ihm und befahl ihm zu lesen, worauf der Prophet antwortete: „Ich weiß nicht wie man liest“.
Mohammed berichtet, „Dann packte mich der Engel (mit Gewalt) und drückte mich so fest, dass ich es nicht mehr aushalten konnte. Dann ließ er mich los und forderte mich erneut auf, zu lesen, und ich antwortete: ‘Ich kann nicht lesen.’ Daraufhin ergriff er mich erneut und drückte mich ein zweites Mal, bis ich es nicht mehr aushielt. Dann ließ er mich los und forderte mich erneut auf zu lesen, aber wieder antwortete ich: ‘Ich weiß nicht, wie ich lesen soll (oder was soll ich lesen?).’ Daraufhin ergriff er mich zum dritten Mal und bedrängte mich, ließ mich dann los und sagte: ‘Lies im Namen deines Herrn, der (alles, was existiert) erschaffen hat. Er hat den Menschen aus einem Klumpen (einem Stück dicken geronnenen Blutes) erschaffen. Lies! Und dein Herr ist der Großzügigste…’“. Dies sind die Worte, die wir heute in Sure Al-‘Alaq 96:1-3 lesen können – die ersten Worte die Mohammed jemals rezitierte.
Der Hadith fährt wie folgt fort: „Da kehrte der Gesandte Allahs mit der Offenbarung und mit heftig klopfendem Herzen zurück. Dann ging er zu (seiner Frau) Khadija bint Khuwailid, Allahs Wohlgefallen auf ihr, und sagte: ‘Deck mich zu! Deck mich zu!’ Sie deckten ihn zu, bis die Furcht von ihm abließ. Danach erzählte er Khadija alles, was geschehen war, und sagte: ‘Ich fürchte, dass mir etwas zustoßen könnte.’ Khadîja antwortete: ‘Niemals! Bei Allah, Allah wird dich niemals in Ungnade fallen lassen. Du pflegst gute Beziehungen zu deinen Verwandten, hilfst den Armen und Bedürftigen, bedienst deine Gäste großzügig und stehst den Bedürftigen bei, die von Unglück betroffen sind.’ Khadija, Allahs Wohlgefallen auf ihr, begleitete ihn dann zu ihrem Cousin Waraqa Ibn Naufal Ibn Assad Ibn ʿAbdu-l-ʿUzza, der in der Zeit der Unwissenheit Christ wurde und die Schrift mit hebräischen Buchstaben zu schreiben pflegte. Er schrieb aus dem Evangelium in hebräischer Sprache so viel, wie Allah es wollte. Er war ein alter Mann und hatte sein Augenlicht verloren.
Khadîja sagte zu Waraqa: ‘Höre dir (die Geschichte) deines Neffen an, o mein Cousin!’ Waraqa fragte: ‘O mein Neffe! Was hast du gesehen?’ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, beschrieb, was er gesehen hatte. Waraqa sagte: ‘Das ist derselbe, den Allah zu Mūsā (Moses) gesandt hat, nämlich der Engel Ǧibrāʾīl (Gabriel). Ich wünschte, ich wäre noch jung und könnte die Zeit erleben, in der dein Volk dich ausstoßen würde.’ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, fragte: ‘Werden sie mich vertreiben?’ Waraqa bejahte und sagte: ‘Jeder (Mann), der mit etwas Ähnlichem wie dem, was du mitgebracht hast, kam, wurde mit Feindseligkeit behandelt; und wenn ich bis zu dem Tag (an dem du vertrieben wirst) am Leben bleiben sollte, dann würde ich dich stark unterstützen.’ Doch nach ein paar Tagen starb Waraqa, und auch die göttliche Offenbarung wurde für eine Weile unterbrochen.“
Fassen wir diesen Hadith zusammen. Der Engel begegnet Mohammed in der Höhle und drückt ihn fest – bis kurz vor dem Ersticken. Dann nennt er Mohammed die ersten Verse der Sure Al-ʿAlaq und fordert ihn auf, sie vorzulesen. Zutiefst verängstigt kehrt Mohammed zu Khadija zurück und bittet sie, ihn zuzudecken. Zu Beginn glaubt er, dass etwas mit dem, was er erlebt hat, nicht stimmte. Es scheint nicht so, als wüsste er mit Gewissheit, dass der Engel von Allah kam und er ein Prophet ist. Khadija beruhigt ihn und bringt ihn zu ihrem Cousin Waraqa, der Mohammed ebenfalls versichert, dass er wahrhaftig von Gott gesandt wurde. Wie? Indem er erklärt, dass der Engel, dem er begegnet ist, derselbe war, der auch Musa erschien. Die Aussage, die Waraqa damit trifft, lautet also: Mohammed ist ein wahrer Prophet, weil er die Offenbarung auf dieselbe Weise empfangen hat wie der große Prophet Musa.
An welche Geschichte musste Waraqa dabei gedacht haben? Er hat es nicht explizit gesagt, aber es gibt nur eine Geschichte, auf die er sich bezogen haben kann: Als der Engel Musa im brennenden Dornbusch erschien. Warum? Weil Musa bei dieser Gelegenheit seine ersten Offenbarungen und seine göttliche Berufung von Gott erhielt – genau wie Mohammed viele Jahrhunderte später in der Höhle Hira.
Musas Begegnung mit dem Engel wurde lange vor Mohammeds Geburt in der Tora niedergeschrieben. Es ist wichtig zu betonen, dass Waraqa sich nur auf den Bericht in der Tora bezogen haben kann, nicht auf den Koran, da zu diesem Zeitpunkt erst fünf Ayat des Korans (Sure Al-ʿAlaq 96:1–5) offenbart worden waren – und diese sagen nichts über Musa und den brennenden Dornbusch!
Warum glaubte Waraqa, dass der Engel, der Musa erschien, derselbe war, der auch Mohammed erschien? Vermutlich ging er davon aus, dass beide Geschichten ähnlich sind. Werfen wir also einen Blick in die Tora und schauen, ob das wirklich der Fall ist. Sind sich die Geschichten tatsächlich ähnlich? Das wird uns helfen festzustellen, ob es sich in beiden Fällen um denselben Engel handelte. Finden wir es heraus.
Ähnlich wie im Hadith beschreibt die Tora Musa als allein in der Wüste. Während Musa eine Herde hütete, erschien ihm der Engel Gottes:
[2] Da erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus dem Dornbusch. Und als er hinsah, siehe, da brannte der Dornbusch im Feuer, und der Dornbusch wurde doch nicht verzehrt.
[3] Da sprach Musa: Ich will doch hinzutreten und diese große Erscheinung ansehen, warum der Dornbusch nicht verbrennt!
[4] Als aber der HERR sah, dass er hinzutrat, um zu schauen, rief ihm Gott mitten aus dem Dornbusch zu und sprach: Musa, Musa! Er antwortete: Hier bin ich!
[5] Da sprach er: Tritt nicht näher heran! Ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliges Land!
[6] Und er sprach: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Ibrahims, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs! Da verbarg Musa sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
[7] Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten sehr wohl gesehen, und ich habe ihr Geschrei gehört über die, welche sie antreiben; ja, ich kenne ihre Schmerzen.
[8] Und ich bin herabgekommen, um sie zu erretten aus der Hand der Ägypter und sie aus diesem Land zu führen in ein gutes und weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließt, an den Ort der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Pheresiter, Hewiter und Jebusiter.
[9] Und nun siehe, das Geschrei der Kinder Israels ist vor mich gekommen, und ich habe auch ihre Bedrängnis gesehen, wie die Ägypter sie bedrücken.
[10] So geh nun hin! Denn ich will dich zu dem Pharao senden, damit du mein Volk, die Kinder Israels, aus Ägypten führst!
[11] Musa aber sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und dass ich die Kinder Israels aus Ägypten führen sollte?
[12] Da sprach er: Ich will mit dir sein; und dies soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du das Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr an diesem Berg Gott dienen!
[13] Und Musa sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Kindern Israels komme und zu ihnen sage: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mich fragen werden: Was ist sein Name? — was soll ich ihnen sagen?
[14] Gott sprach zu Musa: »Ich bin, der ich bin!« Und er sprach: So sollst du zu den Kindern Israels sagen: »Ich bin«, der hat mich zu euch gesandt.
[15] Und weiter sprach Gott zu Musa: So sollst du zu den Kindern Israels sagen: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Ibrahims, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt; das ist mein Name ewiglich, ja, das ist der Name, mit dem ihr an mich gedenken sollt von Geschlecht zu Geschlecht.
[16] Geh hin und versammle die Ältesten von Israel und sprich zu ihnen: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Ibrahims, Isaaks und Jakobs, ist mir erschienen und hat gesagt: Ich habe genau achtgegeben auf euch und auf das, was euch in Ägypten geschehen ist.
– Exodus 3:2-16 –
Das war der Beginn von Musas Berufung nach der Tora. Was sticht aus diesem Bericht hervor?
- Der Engel war ruhig. Im Gegensatz zu Mohammeds Berufung gab es keine Gewalt, kein Ersticken, das fast zum Tod führte. Im Gegenteil: Der Engel erschien freundlich und barmherzig und sagte, dass er gekommen sei, um das unterdrückte Volk Israel zu retten und es in ein gutes Land zu führen (Verse 7–8). Musa war von Ehrfurcht und Ehrerbietung erfüllt (Vers 6), aber nicht von lähmender Angst, dass ihm etwas Schlimmes zugestoßen sein könnte.
- Der Engel, der Musa erschien, sagte eindeutig, dass die Worte, die er sprach, von Gott stammten. Im Gegensatz dazu offenbarte der Engel, der Mohammed erschien, seine Identität nicht.
- Infolgedessen wusste Musa von Anfang an, dass er von Gott beauftragt worden war. Mohammed hingegen glaubte erst daran, dass Allah ihm die Gabe des Prophetentums verliehen hatte, nachdem Khadija und Waraqa ihn davon überzeugt hatten.
- Musa erhielt einen klaren Auftrag: „Geh zum Pharao und führe das Volk Israel aus Ägypten heraus!„ (Vers 10). Mohammed wurde aufgerufen vorzulesen, erhielt jedoch keinen klaren Auftrag.
- Einige Verse später lesen wir, wie Gott Musa Wunder zeigte, die er vollbringen konnte, falls die Menschen ihm nicht glauben würden. Eines dieser Wunder war, dass sich Musas Stab in eine Schlange verwandelte:
[2] Da sprach der HERR zu ihm: Was hast du in deiner Hand? Er antwortete: Einen Stab!
[3] Da sprach er: Wirf ihn auf die Erde! Und er warf ihn auf die Erde; da wurde er zu einer Schlange. Und Musa floh vor ihr.
[4] Aber der HERR sprach zu Musa: »Strecke deine Hand aus und ergreife sie beim Schwanz!« Da streckte er seine Hand aus und ergriff sie. Und sie wurde zum Stab in seiner Hand.
– Exodus 4:2-4 –
Im Gegensatz zu Musa erhielt Mohammed nach seiner anfänglichen Berufung keine Wunder, die er vollbringen konnte. Daher hatte er keine Möglichkeit, seinem Umfeld zu beweisen, dass diese erste Offenbarung von Gott stammte.
- Nachdem Musa die Anweisungen von Gott erhalten hatte, traf er seinen Bruder Harun in der Wüste (Exodus 4:27–28). Musa wusste bereits, dass er ein Prophet war, und er war derjenige, der Harun davon überzeugte, dass Gott zu ihm gesprochen hatte. Er verließ sich nicht darauf, dass andere ihn über seine eigene Erfahrung aufklärten – Harun musste Musa von nichts überzeugen. Im Gegensatz dazu hatte Mohammed einen schlechten Eindruck von seiner Erfahrung und musste von Khadija beruhigt werden, dass ihm nichts Schlimmes passieren würde.
- Musa und Harun gingen gemeinsam zu den Ältesten des Volkes Israel (Exodus 4:29). Harun erzählte den Ältesten alles, was Musa widerfahren war, und als sie die Wunder sahen, glaubten sie, dass Musa wahrhaftig von Gott berufen worden war (Exodus 4:30–31). Musa zweifelte nie und musste nicht von den Ältesten Israels überzeugt werden.
Auf der anderen Seite: Als Mohammed mit Khadija zu Waraqa ging, war er sich nicht sicher, ob der Engel von Gott stammte. Er wurde erst überzeugt, als er sich auf Waraqas Deutung seiner Erfahrung verließ.
Musa überzeugt andere davon, dass er ein Prophet ist; Mohammed hingegen ist sich nicht sicher, ob er ein Prophet ist, bis andere ihn davon überzeugen, dass das, was er erlebt hat, etwas anderes war als das, was er gedacht hatte.
Wie hätte Waraqa wissen können, ob Mohammed eine Offenbarung empfing oder ob der Engel derselbe war? Er war nicht dort in der Höhle.
Insgesamt sehen wir, dass die beiden Geschichten sehr unterschiedlich sind. Mohammed empfing die Offenbarung nicht auf dieselbe Weise wie Musa. Der Engel, der Musa erschien, war nicht derselbe, der Mohammed erschien. Waraqa lag falsch. Leider konnte Mohammed Waraqas Behauptungen nicht überprüfen, indem er die Geschichte von Musa in der Tora nachlas, da er die Tora nicht lesen konnte.
Ist es möglich, dass Mohammed mit seinem ersten Eindruck recht hatte – dass etwas mit dem Engel und mit dem gesamten Erlebnis nicht stimmte?
Liebe Leserinnen und Leser, im nächsten Artikel werden wir die Behauptung des Qurans untersuchen, dass Mohammed in der Tora prophezeit wird. Bitte lies weiter: