Qur’an und Tora

Stimmt die „schönste der Geschichten“ zwischen dem Quran und der Tora überein?

Ein Vergleich zwischen der Geschichte von Yusuf in beiden Büchern

Wie wir in vorherigen Artikeln (War die Tora zu Mohammeds Zeit verfälscht?, siehe auch Lehrt der Quran, dass die Tora verfälscht wurde?) dargelegt haben, sieht der Quran die Prophetengeschichten in der Tora, wie sie vor und während Mohammeds Zeit aufgezeichnet waren, als zuverlässig an. Da unsere heutige Tora auf Abschriften aus der Zeit Mohammeds und davor basiert, wissen wir: Die heutige Tora ist die Tora, die der Quran meint. Daher können wir sie nun genauer unter die Lupe nehmen.

In diesem Artikel werden wir uns speziell auf die Geschichte von Yusuf konzentrieren, die im Quran als die „schönste der Geschichten“ bezeichnet wird und sowohl in der Tora als auch im Quran vorkommt. In Sure Yusuf 12:31 sagt Allah zu Mohammed:

نَحْنُ نَقُصُّ عَلَيْكَ أَحْسَنَ ٱلْقَصَصِ بِمَآ أَوْحَيْنَآ إِلَيْكَ هَـٰذَا ٱلْقُرْءَانَ وَإِن كُنتَ مِن قَبْلِهِۦ لَمِنَ ٱلْغَـٰفِلِينَ

Wir erzählen dir die schönste der Geschichten, indem Wir dir diesen Quran offenbaren, obgleich du zuvor wahrlich zu denen gehörtest, die davon keine Kenntnis hatten.

– Sure Yusuf 12:3 –

Die Juden kennen die Geschichte von Yusuf schon seit vielen Jahrhunderten, da sie ein wesentlicher Bestandteil ihrer Tora ist. Für Mohammed verhielt es sich jedoch anders. Wie Ayah 12:3 zeigt, gehörte er zu denen, die „davon keine Kenntnis hatten“. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass Mohammed die Geschichte überhaupt nicht kannte. Womöglich hatte er Begegnungen mit Christen und Juden, die ihm davon erzählten. Allerdings hatte er wohl keine Kenntnis von den Details der Geschichte.2 Wie auch? Er war Analphabet, der die Tora nicht lesen konnte.

Muslimische Gelehrte argumentieren, dass jedoch ein Wunder geschah: Mohammed rezitierte die fast 100 Ayat lange Geschichte bis ins Detail.

Nur wenige Ayat nach dem Ende der Geschichte von Yusuf im Quran lesen wir:

center;“> لَقَدْ كَانَ فِى قَصَصِهِمْ عِبْرَةٌۭ لِّأُو۟لِى ٱلْأَلْبَـٰبِ ۗ مَا كَانَ حَدِيثًۭا يُفْتَرَىٰ وَلَـٰكِن تَصْدِيقَ ٱلَّذِى بَيْنَ يَدَيْهِ وَتَفْصِيلَ كُلِّ شَىْءٍۢ وَهُدًۭى وَرَحْمَةًۭ لِّقَوْمٍۢ يُؤْمِنُونَ

In ihren Geschichten ist wahrlich eine Lehre für diejenigen, die Verstand besitzen. Es ist keine Aussage, die ersonnen wird, sondern die Bestätigung dessen, was vor ihm war, und die ausführliche Darlegung aller Dinge und eine Rechtleitung und Barmherzigkeit für Leute, die glauben.

– Surah Yusuf 12:111 –

Der Quran beansprucht für sich, eine Bestätigung der vorangegangenen Schriften zu sein, einschließlich der Tora. Dabei ist er nicht nur eine allgemeine Bestätigung, sondern eine „ausführliche Darlegung aller Dinge“, einschließlich der Geschichten der Tora. Mit anderen Worten: Der Quran bestätigt die Tora, indem er die Details ihrer Geschichten getreu wiedergibt. Dies wird als Beweis dafür angesehen, dass Mohammed eine göttliche Offenbarung erhielt und somit ein wahrer Gesandter Allahs war, da er als schreibunkundiger Mann, der die Tora nicht lesen konnte, die Details dieser Geschichten nicht hätte kennen können.3

Wenn wir also die Geschichte von Yusuf im Quran mit der Geschichte in der Tora vergleichen, sollten wir erwarten, dass beide Geschichten perfekt miteinander übereinstimmen, selbst in den Details (oder sich zumindest nicht widersprechen).

Im Folgenden werden wir uns zwei spezifische Teile dieser Geschichte ansehen und sie mit dem Bericht in der Tora vergleichen, nämlich 1) Yusufs Traum und die Verschwörung der Brüder und 2) Yaqubs Reaktion auf Yusufs angeblichen Tod.

1) Yusufs Traum und die Verschwörung der Brüder

Die Geschichte von Yusuf im Quran (Sure Yusuf 12:4-20) beginnt wie folgt: Der junge Yusuf erzählt seinem Vater Yaqub, dass er einen Traum hatte, in dem elf Sterne, die Sonne und der Mond sich vor ihm niederwarfen (12:4). Yaqub rät ihm, seinen Brüdern nichts von diesem Traum zu erzählen (12:5), und versichert ihm, dass Allah ihm die göttliche Gabe verleihen wird, Träume zu deuten (12:6).

Danach unterhalten sich Yusufs elf Brüder darüber, dass Yaqub Yusuf und seinen Bruder lieber hat als sie. Daher schmieden sie einen Plan, um Yusuf entweder zu töten oder ihn in ein anderes Land zu vertreiben, in der Hoffnung, dass die Aufmerksamkeit ihres Vaters dann allein ihnen gehört (12:9). Einer der Brüder sagt jedoch, sie sollten Yusuf nicht töten, sondern ihn lieber in einen Brunnen werfen, damit ihn vorbeiziehende Reisende auflesen (12:10).

Dann wenden sie sich an ihren Vater Yaqub und bitten ihn, Yusuf mit ihnen gehen zu lassen, damit er „essen und spielen“ kann. Sie versichern ihm sogar, dass sie gut auf ihn aufpassen werden (12:12).4 Yaqub, der den Brüdern nicht traut (12:11), zögert aus Angst, Yusuf könnte von einem Wolf gefressen werden (12:13). Die Brüder versichern Yaqub jedoch, dass dies nicht passieren wird (12:14). Also ziehen sie mit Yusuf los und werfen ihn in einen Brunnen (12:15).

Am Abend kehren sie zu ihrem Vater nach Hause zurück (12:16). Nach der Rückkehr der Brüder finden einige vorbeiziehende Händler Yusuf im Brunnen, als sie ihren Wasserträger losschicken, um Wasser zu holen. Sie ziehen Yusuf aus dem Brunnen und verkaufen ihn für ein paar Silbermünzen an einen Ägypter namens Al-Aziz (12:19-21).

So weit der Beginn der Geschichte nach dem Quran. Nun sehen wir uns die Geschichte in der Tora an (siehe 1. Mose 37). Sie beginnt wie folgt:

Yusuf ist 17 Jahre alt (37:2). Seine elf älteren Brüder hassen Yusuf, weil ihr Vater ihn mehr liebt als jeden von ihnen und ihm sogar ein besonderes, farbenprächtiges Gewand hatte machen lassen (37:3-4). Dann hat Yusuf eines Tages einen Traum, in dem er und seine Brüder Garben auf dem Feld zusammenbanden. Seine Garbe richtete sich auf und stand aufrecht, während sich ihre Garben um Yusufs Garbe herum versammelten und sich vor ihr verbeugten.

Infolgedessen hassen die Brüder Yusuf noch mehr (37:5-8). Danach hat er einen weiteren Traum, in dem sich die Sonne, der Mond und elf Sterne vor ihm verbeugten (37:9). Dieses Mal erzählt er seinen Traum nicht nur seinen Brüdern, sondern auch seinem Vater, der ihn wegen dieses Traums zurechtweist (37:10).

Eines Tages ziehen die Brüder an einen Ort namens Sichem, der etwa 80 km von Yaqubs Zuhause entfernt war, um die Herden zu weiden. Nach einer Weile macht sich Yaqub Sorgen, wie es ihnen so weit weg von zu Hause ergeht, und schickt Yusuf los, um sie zu suchen (37:12-14). Yusuf, der zunächst Schwierigkeiten hat, sie zu finden, erfährt schließlich von einem Mann in der Gegend, dass sie noch weiter als nur nach Sichem gezogen waren, nämlich an einen Ort namens Dotan (37:15-17).

Als seine Brüder ihn von Weitem kommen sehen, beschließen sie, ihn zu töten (37:18-20). Einer der Brüder namens Ruben will Yusuf jedoch das Leben retten und schlägt vor, ihn nicht zu töten, sondern ihn nur in eine Grube ohne Wasser zu werfen (37:21-22). Nachdem Yusuf näherkommen war, ziehen sie ihm sein farbenprächtiges Gewand aus und werfen ihn in die Grube (37:23-24). Als sie dann eine Karawane von Händlern sehen, die auf dem Weg nach Ägypten war (37:25), beschließen sie, Yusuf wieder herauszuziehen und ihn für zwanzig Silberstücke an diese Händler zu verkaufen, die ihn schließlich nach Ägypten bringen würden. Um ihren Vater zu täuschen, schlachten sie einen Ziegenbock, tauchen Yusufs Gewand in das Blut des Tieres, reisen zurück nach Hause und präsentieren das blutverschmierte Gewand, um ihn glauben zu machen, ein wildes Tier habe ihn gefressen.

So weit die Geschichte, wie sie in der Tora geschrieben steht. Nun müssen wir uns fragen: Stimmt sie mit der Geschichte im Quran überein?

Liebe Leserin, lieber Leser, wie du wahrscheinlich erkannt hast, gibt es Unterschiede zwischen beiden Berichten. Das muss jedoch nicht zwingend ein Problem sein. Im Quran beispielsweise erzählt Yusuf seinen Brüdern nur einen Traum (von der Sonne, dem Mond und den Sternen), während es in der Tora zwei sind (von der Sonne, dem Mond und den Sternen sowie von den Garben). Nur weil der Quran den Traum von den Garben nicht erwähnt, behauptet er nicht zwangsläufig, dass dieser Traum nie stattgefunden hat. Beide Geschichten unterscheiden sich an diesem Punkt, aber sie widersprechen sich nicht.

In anderen Punkten ist es jedoch schwieriger, beide Berichte miteinander in Einklang zu bringen. Im Folgenden listen wir einige davon auf:

  1. Im Quran ist Yusuf nur ein kleiner Junge. Dies wird daraus ersichtlich, dass seine Brüder sagen, er könne „spielen“ und sie würden auf ihn aufpassen (12:12). Muslimische Gelehrte glauben, dass er zwischen sieben und neun Jahre alt war. Die Tora hingegen besagt eindeutig, dass er bereits 17 Jahre alt war (37:2) – also alt genug, um allein eine mehrtägige Reise in die Wildnis zu unternehmen, um seine Brüder zu suchen.
  2. Im Quran erzählt Yusuf seinen Traum nur seinem Vater unter vier Augen, und dieser hatte keinerlei Einwände gegen seinen Traum. In der Tora erzählt Yusuf seinen ersten Traum seinen Brüdern und berichtet seinen zweiten Traum von der Sonne, dem Mond und den elf Sternen danach nicht nur seinem Vater, sondern auch seinen Brüdern. Darüber hinaus heißt es sein Vater Yaqub nicht gut, dass er diese Träume erzählte, sondern weist ihn in Gegenwart seiner Brüder zurecht.
  3. Der gesamte Ablauf und die Schauplätze der Ereignisse unterscheiden sich in beiden Berichten. Im Quran sind die Brüder zu Hause (12:8-10), schmieden dort ihre Pläne, Yusuf zu töten, und überzeugen ihren Vater, ihnen zu erlauben, Yusuf mit nach draußen zu nehmen. Obwohl Yaqub ihnen anfangs nicht vertraut, gibt er schließlich sein Okay. Dann gehen sie los, werfen ihn in einen Brunnen und kehren offenbar noch am selben Tag abends nach Hause zurück (12:16).

    Im Gegensatz dazu sind die Brüder in der Tora nicht zu Hause, sondern etwa 100 Kilometer entfernt in Dotan, was einer mehrtägigen Reise entspricht (siehe Abbildung 1). Yusuf hingegen blieb zu Hause. Die Brüder haben Yaqub nicht davon überzeugt, Yusuf mitzunehmen. Stattdessen schickt Yaqub Yusuf aus eigener Initiative los, um die Brüder zu suchen. Die Brüder schmieden den Plan Yusuf zu töten, nicht, als sie zu Hause sind, sondern als sie in Dotan auf dem Feld sind und Yusuf näherkommen sehen. Erst einige Tage später kommen sie nach Hause, nachdem sie ihn in den Brunnen geworfen hatten.

Figure 1: Unterschiede zwischen dem Bericht im Quran und der Tora bezüglich des Ortes, an dem Yusuf in den Brunnen geworfen wurde. Im Quran wurde Yusuf in der Nähe seines Zuhauses in den Brunnen geworfen, während der Ort in der Tora etwa 100 km von zu Hause entfernt liegt.

2) Die Brüder erzählen Yaqub, dass Yusuf tot ist

Ayat 16-18 des Quran lauten wie folgt:

وَجَآءُوٓ أَبَاهُمْ عِشَآءًۭ يَبْكُونَ ١٦

قَالُوا۟ يَـٰٓأَبَانَآ إِنَّا ذَهَبْنَا نَسْتَبِقُ وَتَرَكْنَا يُوسُفَ عِندَ مَتَـٰعِنَا فَأَكَلَهُ ٱلذِّئْبُ ۖ وَمَآ أَنتَ بِمُؤْمِنٍۢ لَّنَا وَلَوْ كُنَّا صَـٰدِقِينَ ١٧

وَجَآءُو عَلَىٰ قَمِيصِهِۦ بِدَمٍۢ كَذِبٍۢ ۚ قَالَ بَلْ سَوَّلَتْ لَكُمْ أَنفُسُكُمْ أَمْرًۭا ۖ فَصَبْرٌۭ جَمِيلٌۭ ۖ وَٱللَّهُ ٱلْمُسْتَعَانُ عَلَىٰ مَا تَصِفُونَ ١٨

[16] Und am Abend kamen sie weinend zu ihrem Vater.

[17] Sie sagten: „O unser Vater, wir gingen, um einen Wettlauf zu machen, und ließen Yusuf bei unseren Sachen zurück. Da fraß ihn der Wolf. Aber du glaubst uns wohl nicht, auch wenn wir die Wahrheit sagen.“

[18] Sie brachten falsches Blut auf seinem Hemd. Er sagte: „Nein! Vielmehr habt ihr selbst euch etwas eingeredet. (So gilt es,) schöne Geduld (zu üben). Allah ist Derjenige, bei Dem Hilfe zu suchen ist gegen das, was ihr beschreibt.“

– Sure Yusuf 12:16-18 –

Die entsprechende Stelle in der Tora liest wie folgt:

[31] Sie aber nahmen Yusufs Leibrock und schlachteten einen Ziegenbock, tauchten den Leibrock in das Blut;

[32] und sie schickten den bunten Leibrock ihrem Vater und ließen ihm sagen: Das haben wir gefunden; sieh doch, ob es der Leibrock deines Sohnes ist oder nicht!

[33] Und er erkannte ihn und sprach: Es ist der Leibrock meines Sohnes! Ein wildes Tier hat ihn gefressen! Yusuf ist gewiss zerrissen worden!

[34] Und Yaqub zerriss seine Kleider und legte Sacktuch um seine Lenden und trug lange Zeit Leid um seinen Sohn.

[35] Da machten sich alle seine Söhne und Töchter auf, um ihn zu trösten; er aber wollte sich nicht trösten lassen, sondern sprach: Ich höre nicht auf zu trauern, bis ich zu meinem Sohn hinabfahre ins Totenreich! So beweinte ihn sein Vater.

– 1. Mose 37:31-35 –

Wieder einmal müssen wir uns fragen: Gibt es Unterschiede zwischen den beiden Texten, und wenn ja, widersprechen sie sich oder lassen sie sich miteinander vereinbaren? Ein erster Unterschied zeigt sich in Ayah 17. Dort wird gesagt, dass ein „Wolf“ Yusuf gefressen habe, während es in der Tora heißt, er sei von einem „wilden Tier“ gefressen worden. Da ein Wolf jedoch ein wildes Tier ist, widerspricht der Quran der Tora in diesem Fall nicht. Dieser Unterschied lässt sich also in Einklang bringen. Schwieriger wird es jedoch bei den folgenden Punkten:

  1. Obwohl der „Wolf“ aus dem Quran mit dem „wilden Tier“ aus der Tora in Einklang gebracht werden kann, sind es im Quran die Brüder, die sagen, dass Yusuf von einem Wolf getötet wurde, während in der Tora die Brüder Yaqub nur das blutverschmierte Gewand zeigen; es ist dann Yaqub selbst, der sagt, Yusuf sei von einem Tier gefressen worden, nicht die Brüder.
  2. Glaubt Yaqub in den beiden Berichten, dass Yusuf lebt oder dass er tot ist? In Sure Yusuf 12:18 sagt Yaqub zu seinen Söhnen: „Nein! Vielmehr habt ihr selbst euch etwas eingeredet“, was zeigt, dass er ihrer Geschichte nicht glaubt. In der Tora jedoch sagt Yaqub: „Yusuf ist gewiss zerrissen worden“ (37:33). Er zerreißt seine Kleider, trauert mehrere Tage lang und weigert sich sogar, sich von all seinen Kindern trösten zu lassen (37:34-35).

Was sollen wir nun aus all dem schließen, was wir bisher besprochen haben? Wie zu Beginn unseres Artikels erwähnt, sagt der Quran, dass er die Tora selbst in ihren Details bestätigt (Sure Yusuf 12:111), um seinen göttlichen Ursprung zu beweisen. Allerdings haben wir wesentliche Widersprüche zwischen der Geschichte in beiden Büchern gesehen. Der Bericht im Quran und der aus der Tora enthalten zwar dieselben Charaktere und behandeln ähnliche Themen, aber sie sind keinesfalls dieselbe Geschichte. Sie hätten nicht vom selben Autor geschrieben worden sein.

Darüber hinaus sind die Beispiele, die wir uns angesehen haben, nicht die einzigen Widersprüche in den Geschichten; am Ende des Artikels haben wir insgesamt vierzig aufgelistet – wobei sogar noch mehr genannt werden könnten (siehe Tabelle 1).

Daher fragen wir: Ist es möglich, dass diese Widersprüche von jüdischen Schriftgelehrten stammen, die die Tora manipuliert und die darin enthaltene Geschichte verändert haben? Als Antwort auf diese Frage sollten wir Folgendes bedenken:

  1. In einem vorherigen Artikel haben wir bereits gesehen, dass der Quran selbst die Zuverlässigkeit der Tora im 7. Jahrhundert bestätigt. Da wir Tora-Abschriften besitzen, die sogar mehrere Jahrhunderte vor Mohammeds Geburt datieren, können wir sicher sein, wie die unverfälschte Tora aussieht.
  2. Doch selbst wenn wir darauf bestehen würden, dass die Tora verfälscht wurde (was allerdings gegen die Autorität des Qurans verstoßen würde): Welches Motiv sollten die Juden gehabt haben, ihr Heiliges Buch, die Tora, in Details abzuändern, die von keinerlei tragender Bedeutung sind. Wenn sie Dinge in der Geschichte geändert hätten, die einem bestimmten Zweck dienten (um beispielsweise einen theologischen oder ethischen Punkt zu machen), hätte man vielleicht ein Argument, warum sie es getan haben. Aber warum sollten sie unwichtige Details geändert haben, zum Beispiel bezüglich:
    • Wem Yusuf seine Träume erzählte
    • Wie Yaqubs Reaktion auf Yusufs Traum war
    • Wie lang die zurückgelegte Strecke von zu Hause und zurück war
    • Wer zuerst sagte, dass Yusuf von einem Tier gefressen wurde
    • Wie alt Yusuf war
    • Wie Yaqub auf das blutige Hemd reagierte

    Um Manipulationen an hunderten Abschriften des eigenen Heiligen Buches zu koordinieren, die auf drei verschiedenen Kontinenten verteilt waren, und in den Händen zum Teil verfeindeter Glaubensgruppen waren (siehe Lehrt der Quran, dass die Tora verfälscht wurde?), bedarf es eines triftigen Grundes. Das Ändern solch kleiner, unbedeutender Details scheint jedoch kein ausreichend triftiger Grund zu sein.

Nun könnte man jedoch einwenden: Was ist, wenn die Juden die Geschichte nicht absichtlich, sondern unabsichtlich veränderten? Was ist, wenn sie den Text zwar nicht verändern wollten, aber schlichtweg Fehler beim Kopieren der Texte machten? Diese Möglichkeit ist ebenfalls schwer zu verteidigen, da wir wissen, dass alle von uns gefundenen Abschriften der Tora extrem ähnlich sind. Obwohl den Schriftgelehrten hin und wieder Fehler unterliefen, arbeiteten sie insgesamt mit großer Präzision und Genauigkeit. Darüber hinaus weicht die Geschichte in beiden Büchern nicht nur in kleinen Details ab (was durch unabsichtliche Fehler erklärt werden könnte), sondern im gesamten Ablauf der Ereignisse. Das Grundgerüst der Geschichten ist grundlegend verschieden. Daher ist es unmöglich, dass dies das Resultat von unabsichtlichen Abschreibefehlern sein könnte.

Liebe Leserin, lieber Leser, im folgenden Artikel widmen wir uns einer weiteren Geschichte, die uns noch näher an das Fundament des Islams heranbringt – die Geschichte von Ibrahim und Isma‘il, wie sie die Kaaba in Mekka bauten. Bitte lies weiter.

Footnotes

  1. Siehe auch Sure Hud 11:49 ↩

  2. Wie beispielsweise in einem Kommentar zu 11:49 in „The Study Quran“ (Autor: Seyyed Hossein Nasr) argumentiert wird; siehe auch al-Saʿdīs Tafsīr-Kommentar zu 12:111. ↩

  3. Siehe Kommentar in „The Study Quran“ (Autor: Seyyed Hossein Nasr) zu Sure Al-Qasas 28:44–46: „Die einzige logische Erklärung dafür, dass der Prophet von diesen Geschichten wusste [= die Prophetengeschichten in der Tora mit all ihren Details], ist durch göttliche Offenbarung.”, Fußnote 792; siehe auch Ibn Kathīr, Tafsīr-Kommentar zu 28:44. ↩

  4. Yusufs junges Alter zeigt sich auch darin, dass er erst einige Zeit nach seiner Verschleppung nach Ägypten das ‚Reifealter‘ erreichte (12:21–22). Eben weil Yusuf so jung war, bemerkte ‚der Mann aus Ägypten‘ gegenüber seiner Frau: ‚Vielleicht können wir ihn als Sohn annehmen‘ (12:21). ↩

Table 1: Vierzig Widersprüche zwischen dem Quran und der Tora in der Geschichte von Yusuf.
# Der Quran Die Tora

1

Yusufs unbenannte Mutter bleibt am Leben, bis sie sich am Ende der Geschichte (12:4, 99-100) gemeinsam mit Yaqub vor Yusuf niederwirft. Zu dieser Zeit war Yusuf ein Erwachsener, wahrscheinlich etwa 40–55 Jahre alt.

Yusufs Mutter (namens Rachel) starb bei der Geburt ihres zweiten Kindes, Benjamin. Zu dieser Zeit war Yusuf noch ein Kind. (1. Mose 35:16-20)

2

Yusuf war ein Kind als er seinen Traum hatte (12:4-6).

Yusuf war 17 Jahre alt als er seine Träume hatte (1. Mose 37:2, 5-11).

3

Die Brüder mehrten ihren Hass auf Yusuf nicht, weil sie von seinem Traum hörten, da sie den Traum (oder die Träume) nie gehört haben (12:4-8).

Die Brüder hassten Yusuf noch mehr, weil er seinen (ersten) Traum seinen Brüdern erzählte (1. Mose 37:5).

4

Yaqub hatte keine Einwände gegen Yusufs Traum (12:5-6).

Yaqub tadelte Yusuf für seinen Traum (1. Mose 37:10).

5

Die Eifersucht der Brüder richtete sich nicht ausschließlich gegen Yusuf, sondern auch gegen seinen Bruder, vermutlich Benjamin (12:8). Die Brüder meinten, dass beide ihrem Vater lieber waren (12:8). Zudem wird nicht beschrieben, dass Yaqub Yusuf oder Benjamin anders behandelte als die Brüder.

Die Eifersucht der Brüder richtete sich ausschließlich gegen Yusuf, da er es war – und nicht Benjamin –, dem das besondere, farbenprächtige Gewand geschenkt wurde (1. Mose 37:3).

6

Die Brüder dachten sich ihren Plan gegen Yusuf aus, während sie in der Nähe ihres Zuhauses waren (12:8-10).

Die Brüder waren nicht in der Nähe ihres Zuhauses, als sie Pläne gegen Yusuf schmiedeten. Sie befanden sich in Dotan, ungefähr 100 km von ihrem Zuhause in Hebron entfernt (1. Mose 37:12-18).

7

Die Brüder dachten sich ihren Plan aus (12:8-10), bevor Yusuf das Zuhause mit ihnen verließ (12:11-12, 15).

Die Brüder dachten sich ihren Plan aus, nachdem Yusuf das Zuhause allein verlassen hatte (1. Mose 37:12-18).

8

Es waren die Brüder, die versuchten, ihren Vater zu überzeugen, dass sie mit Yusuf aufbrechen dürfen (12:11-14).

Es war Yaqubs Idee, Yusuf von zu Hause wegzuschicken, um nach seinen Brüdern zu sehen (1. Mose 37:12-14).

9

Yaqub vertraute den Brüdern nicht und sorgte sich, dass Yusuf in ihrer Obhut Schaden zukommen könnte (12:11-13).

Yaqub vertraute den Brüdern genug, um Yusuf allein loszuschicken, um sie zu suchen (1. Mose 37:12-14).

10

Der Brunnen, in den die Brüder Yusuf warfen, befand sich in der Nähe ihres Zuhauses – nah genug, dass die Brüder am Abend desselben Tages, an dem sie von Zuhause aufbrachen, wieder zurückkehren konnten (12:15-16).

Der Brunnen, in den die Brüder Yusuf warfen, befand sich in Dotan, etwa 100 km entfernt von ihrem Zuhause in Hebron (1. Mose 37:17, 24).

11

Karawanenhändler entdeckten Yusuf und hoben ihn aus dem Brunnen (12:19).

Die Brüder hoben Yusuf aus dem Brunnen (1. Mose 37:28).

12

Nicht die Brüder verkauften Yusuf.

Die Brüder verkauften Yusuf (1. Mose 37:28).

13

Yusuf wurde nicht verkauft, bevor die Brüder zu ihrem Vater zurückkehrten (12:15-16, 19-20).

Die Brüder verkauften Yusuf, bevor sie zu ihrem Vater zurückkehrten (1. Mose 37:28-32).

14

Die Brüder behaupteten, dass Yusuf getötet wurde, indem sie sagten, ein Wolf habe ihn gefressen (12:17).

Die Brüder behaupteten nicht direkt, dass Yusuf getötet wurde, da sie nicht einmal behaupteten, dass das blutige Gewand dasjenige von Yusuf war (1. Mose 37:32).

15

Yaqub glaubte der erfundenen Geschichte der Brüder, dass Yusuf von einem Wolf gefressen worden sei, nicht. Er war überzeugt, dass sie ihn anlogen.

Yaqub zog selbst den Schluss, dass Yusuf von einem wilden Tier getötet worden war, ohne dass die Brüder eine Behauptung aufstellten oder einen Bericht lieferten (1. Mose 37:33).

16

Yaqub wusste Yusuf war am Leben, und nicht tot (cf. 12:4-6, 18, 85-87, 94-97).

Yaqub glaubte, Yusuf wäre tot (1. Mose 37:33; cf. 42:13, 32, 36, 38; 43:14; 44:20, 28; 45:26-28).

17

Yaqub gab den Brüdern die Schuld an dem, was Yusuf widerfahren war (12:18).

Yaqub gab den Brüdern von Yusuf keine Schuld an irgendetwas (1. Mose 37:33-35).

18

Nachdem al-ʿAzīz Yusuf gekauft hatte, vertraute er Yusuf als Kind der Aufsicht und Fürsorge seiner Frau an (12:21).

al-ʿAzīz (Potifar genannt) vertraute Yusuf nicht der Aufsicht und Fürsorge seiner Frau an, da Yusuf ein Mann (1. Mose 39:2) war, der bereits 17 Jahre alt war (37:2).

19

Es gab einen männlichen Augenzeugen im Haushalt, als die Frau von al-ʿAzīz versuchte, Yusuf zu verführen (12:26).

Potifars Frau wartete auf eine Gelegenheit, bei der keiner von den Hausgenossen drinnen im Hause war (1. Mose 39:11).

20

Sie rannten zur Tür, als Yusuf vor der Ehefrau floh (12:25). Das Verb „rannten“ (arab. wa-is’tabaqā) steht in der Dualform, was bedeutet, sie rannten beide.

Nur Yusuf lief weg, während die Ehefrau zurück blieb und sein Gewand festhielt (39:12-14).

21

Yusuf entkam nicht aus dem Zimmer, geschweige denn aus dem Haus: Sie rannten zur Tür und trafen an der Tür auf ihren Herrn (12:25). Das Verb „treffen auf“ (arab. wa-alfayā) steht in der Dualform, was bedeutet, sie trafen beide auf ihn.

Yusuf lief hinaus und ließ Potifars Frau im Haus zurück (1. Mose 39:12; vgl. V. 13, 15, 18).

22

Yusuf traf al-ʿAzīz in Gegenwart seiner Ehefrau.

Yusuf traf Potifar nicht in Gegenwart seiner Frau (1. Mose 39:16-18). Nachdem Yusuf geflohen und aus dem Haus gelaufen war, wartete die Frau, bis Potifar nach Hause zurückkehrte.

23

Die Ehefrau sprach nur mit ihrem Mann und mit keiner anderen Person, bevor er eintraf (12:25).

Die Ehefrau sprach zuerst mit den Hausgenossen, bevor sie mit ihrem Ehemann sprach (1. Mose 39:14).

24

Es gab eine unbeteiligte Person, die bezeugte, was geschehen war (12:26).

Keine weitere Person war als Zeuge anwesend. Zum Zeitpunkt des Vorfalls befand sich kein Mann im Haushalt (1. Mose 39:11). Potifars Frau musste mit lauter Stimme rufen, um die Männer von draußen wieder ins Haus zu holen (39:14).

25

Al-ʿAzīz kam zu dem Schluss, dass Yusuf unschuldig und seine Frau schuldig war (12:28-29).

Potifar kam zu dem Schluss, dass Yusuf schuldig und seine Frau unschuldig war (1. Mose 39:19-20).

26

Niemand kam ins Gefängnis oder erlitt eine Strafe als Folge des Verführungsversuchs (12:29).

Yusuf kam sofort als Strafe für den Vorfall ins Gefängnis (1. Mose 39:19-20).

27

Es fanden weitere Ereignisse nach dem Vorfall statt, bei dem die Frau von al-ʿAzīz versucht hatte, Yusuf zu verführen, und bevor er ins Gefängnis kam. Zu diesen Ereignissen gehörten: die Verbreitung von Geschwätz über den Vorfall (12:30), das Bankett für die Frauen (12:31-32) und schließlich die offizielle Verurteilung von Yusuf, die ihn ins Gefängnis brachte (12:35).

Yusuf kam unmittelbar nach dem Vorfall ins Gefängnis, sobald Potifars Frau ihren Mann informiert hatte (1. Mose 39:19-20).

28

Es waren mehrere Männer, die Yusuf ins Gefängnis schickten (12:35).

Es war allein Potifar, der entschied, Yusuf ins Gefängnis zu werfen (1. Mose 39:20).

29

Yusuf wurde nicht allein ins Gefängnis geschickt; zwei andere Diener kamen mit ihm ins Gefängnis (12:36).

Yusuf wurde allein ins Gefängnis geschickt (1. Mose 39:20). Erst einige Zeit danach wurden der Mundschenk und der Bäcker ins Gefängnis geworfen (1. Mose 40:1).

30

Die beiden Mitgefangenen (der Mundschenk und der Bäcker) glaubten, dass Yusuf Träume deuten könne, und baten ihn daher, sie zu deuten (12:36).

Die beiden Gefangenen sagten zu Yusuf, sie haben Träume gehabt, aber es gibt niemanden, der sie deuten kann (1. Mose 40:8).

31

Yusuf blieb mehr als zwei Jahre im Gefängnis, nachdem er die Träume der beiden Gefangenen gedeutet hatte (12:42).

Yusuf blieb zwei volle Jahre im Gefängnis, nachdem er die Träume der beiden Gefangenen gedeutet hatte (1. Mose 41:1).

32

Der Mundschenk versicherte dem König, dass er derjenige sein würde, der den Traum des Königs deuten würde, möglicherweise um anstelle von Yusuf das Lob dafür zu ernten (12:45).

Der Mundschenk deutete keineswegs an, dass er die Träume des Pharaos deuten könne, sondern schlug ihm vor, dass Yusuf dazu in der Lage sein könnte, da dieser in der Vergangenheit seinen Traum und den des Bäckers korrekt gedeutet hatte (1. Mose 41:12-13).

33

Der König wusste nicht, dass der Mundschenk aufbrach, um Yusuf im Gefängnis aufzusuchen (12:45).

Der Pharao wusste, dass Yusuf die Person war, zu der seine Männer geschickt wurden, um sie aus dem Gefängnis zu holen (1. Mose 41:14).

34

Der Traum des Königs wurde gedeutet, während Yusuf sich im Gefängnis befand (12:46-50).

Der Traum des Pharaos wurde gedeutet, während Yusuf sich außerhalb des Gefängnisses, im Palast, befand (1. Mose 41:14-32).

35

Der König hatte nichts von Yusuf und seiner Fähigkeit, Träume zu deuten, gehört (12:45).

Der Pharao bestätigte gegenüber Yusuf, dass er von ihm und seiner Fähigkeit, Träume zu deuten, gehört hatte (1. Mose 41:15).

36

Nachdem Yusuf den Traum aus dem Gefängnis heraus gedeutet hatte, befahl der König, dass Yusuf aus dem Gefängnis zu ihm gebracht werden sollte (12:50).

Der Pharao befahl, dass Yusuf zu ihm gebracht werden sollte, bevor Yusuf den Traum deutete (1. Mose 41:14).

37

Der König rief Yusuf aus dem Gefängnis zu sich mit der Absicht, ihn einzustellen (12:54).

Der Pharao hatte keine Absicht, Yusuf einzustellen, als er ihn aus dem Gefängnis rufen ließ (1. Mose 41:14).

38

Yusuf sprach nicht grob mit seinen Brüdern, sondern behandelte sie großzügig (12:59, 62).

Yusuf stellte sich ihnen fremd und sprach hart mit ihnen (1. Mose 42:7).

39

Der Zeitpunkt, an dem das Geld zum ersten Mal in den Säcken entdeckt wurde, war, als sie alle zu Hause ihre Säcke auspackten (12:65).

Der Zeitpunkt, an dem das Geld zum ersten Mal in einem Sack entdeckt wurde, war, als einer von ihnen während der Reise seinen Sack öffnete, um seinem Esel Futter zu geben (1. Mose 42:27).

40

Das erste und einzige Mal, dass die Brüder das Geld in ihren Säcken entdeckten, war, als sie diese zur gleichen Zeit zu Hause in Kanaan öffneten (12:65).

Es war das zweite Mal, dass die Brüder das Geld in den Säcken entdeckten, als sie diese alle zusammen zu Hause in Kanaan öffneten (1. Mose 42:35). Das erste Mal, als einer der Brüder Geld in seinem Sack entdeckte, war, als sie an einer Herberge auf dem Weg von Ägypten nach Kanaan anhielten (42:27-28).